WE ARE JES - Spielzeit 2021-22


Glückwünsche, Erinnerungen und Briefe zu einem 18. Geburtstag und zur letzten Spielzeit einer langjährigen Intendanz können schonmal etwas länger ausfallen. Für unser besonderes Jahresheft WE ARE JES haben sich viele Wegbereiter*innen, Wegbegleiter*innen und Freund*innen zu Wort gemeldet. Einige Texte mussten wir für die Drucklegung schweren Herzens kürzen, aber möchten Sie Ihnen hier in voller Länge zu lesen geben.

Die gesamte Broschüre gibt es hier zum Download.

WE ARE JES - Spielzeit 2021-22


Glückwünsche, Erinnerungen und Briefe zu einem 18. Geburtstag und zur letzten Spielzeit einer langjährigen Intendanz können schonmal etwas länger ausfallen. Für unser besonderes Jahresheft WE ARE JES haben sich viele Wegbereiter*innen, Wegbegleiter*innen und Freund*innen zu Wort gemeldet. Einige Texte mussten wir für die Drucklegung schweren Herzens kürzen, aber möchten Sie Ihnen hier in voller Länge zu lesen geben.

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Drei Schafe fürs Leben


Es ist der absolute Longseller am JES: „Ein Schaf fürs Leben“ nach einer Erzählung von Maritgen Matter, inszeniert von JES-Intendantin Brigitte Dethier. In über 200 Vorstellungen, haben bislang rund  35.000 Besucher*innen die Geschichte einer eigentlich unmöglichen Freundschaft miterlebt. Die beiden Musiker*innen Céline Papion und Frank Wolf haben dabei im Laufe der Jahre drei unterschiedliche Schafe und zwei Wölfe auf der Bühne begleitet. In einem Kettenbrief tauschen sich die drei Schaf-Spielerinnen über ihre Erfahrungen mit Erfahrungen und Wölfen, Musik und Publikum aus: 

Sarah Kempin:
Meine erste Produktion am JES. Woran erinnere ich mich? An die wundersame Stadt „Erfahrungen“. An meinen Freund, den Wolf. An unsere Schlittenfahrt. An Wolfs Krankheit. „Gibt‘s hier denn keine Suppe? Oder warme Milch? Oder IRGENDWAS???“ An die goldene Uhr. Nach ca. 50 Vorstellungen hab ich mir eine goldene Digitaluhr gekauft. Die waren in Mode. Aber als ich so eine zum erstmal am Handgelenk einer hippen Kellnerin gesehen habe, bin ich full on in Schafmodus geswitcht. „Ist die aus Gold??“ Haha!
Ich erinnere mich an Aufwärmen in der Garderobe und noch hinter den Vorhängen. Aufwärmübungen wie für ein Leichtathletik Turnier. Dann ein Blick von Céline, die ersten Cellotöne, ein Blick über die Bühne zu Alex. Wir nicken uns kurz zu. Los geht’s. Ein paar Schritte ins Licht, in die Welle der Publikumsaufmerksamkeit. Dann kommt meine Lampe von der Decke. Dann entdecke ich die Tür im Bühnenboden und öffne meine gemütliche Stallkoje. Ich wickle mich in die wunderbare Wolldecke, an der wir alle mitgestrickt haben während der Proben. Daran denke ich eigentlich jedes Mal. Dann das spannende Buch. Jedes Mal lese ich die gleiche Seite, den gleichen Abschnitt. Und trotzdem kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern. Seite 121 war das glaub ich, und irgendwann hat sie sich aus dem Buch gelöst, glaub ich. Gleichzeitig freue ich mich über Alex und Franks Rockstarwolfauftritt und die Reaktionen.
In den ersten 20 meiner insgesamt 98 Vorstellungen habe ich gelernt, dass es schön ist, einen direkten Kontakt zum Publikum aufzubauen. Und gleichzeitig, dass ich die Zügel bzw das Seil nie ganz aus der Hand geben darf.
In einer anderen Vorstellung habe ich beim Singen eine Flocke Hollywoodschnee aus 100% Plastik eingeatmet und konnte nur noch husten. Keinesfalls mehr singen. Céline und Frank haben das musikalisch aufgefangen, irgendwann ging’s wieder und wir konnten alle gemeinsam weiter durch den verschneiten Wald stapfen.
A propos verschneiter Wald. Nach ca 70 Vorstellungen habe ich großen Spaß daran entwickelt, hier Spannung aufzubauen: … die Baumstämme sahen aus wie die dicken haarigen Beine von einem großen schwarzen Tier. Von Ferne konnte man hören, wie es die Tatzen eine nach der andren aufsetzte. Ploff, Ploff...
VIELLEICHT EIN HAI!!! Schrie es da einmal begeistert aufgeregt aus dem Publikum. "Der Hai im verschneiten Wald" ist und bleibt wahrscheinlich für immer mein liebster Theatermoment.
Es war immer eine Freude, mit Alex zu spielen. Wir waren eigentlich immer auf Entdeckungsreise und haben uns unterstützt und Energie zugeschoben, falls mal einer weniger Kraft hatte, oder nicht ganz bei voller Gesundheit war. Was ja auch vorkommt. Was ich aber immer ziemlich ignoriert habe. Weiß garnicht, ob das Schaf das gut heißen würde.

Wir hatten, wenn ich mich recht erinnere, 6 Wochen Probezeit. Die ersten 6 Wochen auf der JES Probebühne. Julia Schiller hat das zeitlose Bühnenbild und die ebensolchen Kostüme entworfen. Gemütlich, geborgen, einfach und trotzdem voller Spielmöglichkeiten.
Gitti hat die Regie gemacht. Nach etwa vier Wochen waren wir durch das ganze Stück gekommen. Dann kam Gitti auf die nächste Probe und hat gesagt: „Es fühlt sich an, als wären wir fertig. Das macht mich nervös. Hab ich was vergessen? Hab ich es mir zu leicht gemacht?“  Es hat mich nachhaltig beeindruckt, dass sie ihre Zweifel offengelegt hat und dass sie bereit war und uns alle ermutigt hat, weiter zu suchen.
Ich erinnere mich gerne und mit viel Wärme an die Produktion, an alle Beteiligten und an viele viele Vorstellungen. In Stuttgart, in Luxemburg und bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen in einem Zirkuszelt.
Oh und da fallen mir ja gleich noch zwei Lieblingsannekdoten ein. In Recklinghausen haben eine Mutter und ihre ca 5 jährigen Tochter nach der Vorstellung auf den Wolf und das Schaf gewartet. Die Mutter meinte, das Mädchen wolle mit mir sprechen. Sie hat aber nicht gesprochen. Also hab ich mich zu ihr gekniet und da hat sie mich einfach in den Arm genommen und ganz fest gedrückt. Ich glaube am selben Tag ist ein ca 5 jähriger Junge nach der Vorstellung da geblieben. Er hat Alex erzählt, dass er alles ganz toll fand, den Wolf, das Schaf, aber, dass er uns was sagen müsse. Es tue ihm leid, aber manchmal konnte er uns nicht zusehen, weil er die Augen zumachen musste. Weil die Musik so schön war dass er nur zuhören wollte.
Schaferdischaf. Gute Erinnerungen. Und jetzt bin ich schon Schafoma. Liebes Franzi-Schaf, liebes Anna-Lena Schaf, was wollt ihr erzählen? Wie war es, in eine existierende Inszenierung einzusteigen? Was habt ihr im Wald erlebt? Und auf dem Weg nach Erfahrungen?

Liebe,
Eure Sarah

 

Franziska Schmitz:
Oma Schaf, wir waren am gleichen Ort. Am Ort Erfahungen im Lande JES mit unserem guten Freund Wolf. Das merk ich sofort.
Als ich die Inszenierung übernahm, war ich ganz neu am JES, neu in Stuttgart. Ich kam frisch von der Schauspielschule und es war das erste Mal das ich für diese Altersgruppe (5+) spielen sollte.
Als ich das Bühnenbild zum ersten Mal sah, war es schon etwas in die Jahre gekommen und als ich das Stück zum ersten Mal las, hatte ich Fragen an die 'typisch männlich'/ 'typisch weiblichen' Rollenbeschreibungen.
Dann ging es an die Proben mit großartigen Kolleg:innen, mit denen ich erkannte, dass diese Geschichte über Freundschaft, Liebe, Mut, Neugier und Lebenslust zeitlos ist!
Das Schaf kroch mir innerhalb weniger Tage unter die Haut und ich liebte ihren Tatendrang, ihre Gutmütigkeit und Unvoreingenommenheit sehr.
Bestens vorbereitet freute ich mich auf meine Premiere! (Auch was besonderes, wenn man die einzige ist für die es eine Premiere ist)
Hajaaaa! Und dann erlebte ich die Energie und die Eigenwilligkeit unseres Publikums!
,Pass auf Schaf' 'Versuch es doch Mal so...' , 'Das ist aber kein echter Schnee, oder?' waren nur einige wenige der Kommentare die mich am Anfang noch sehr irritierten. Jede Vorstellung hat da ihre ganz eigene Gruppendynamik, ihren ganz eigenen Rhythmus!
Ich habe die Schafvorstellungen geliebt! Sie waren das, was ich von Theater wollte: Lebendigkeit im hier und jetzt!
Aber Lebendigkeit heißt auch sich weiter zu bewegen weiter nach Herausforderungen zu suchen, daher verließ ich nach drei Jahren, das JES einen wichtigen Ort der Erfahrungen und hinterließ meiner Nachfolgerin Anna-Lena schweren Herzens eine wunderschöne Geschichte für ein wunderbares Publikum!
Anna-Lena, erzähl! Wie erging es dir? Du kanntest das (Oma) Schaf auch schon als Zuschauerinnen, richtig??! Ein neuer Wolf kam ins Spiel und auf ging's in eine neue Schlittenfahrt nach Erfahrungen....

 

Anna-Lena Hitzfeld:
Liebe Schafischafs, ja, ich war auch da, auf dem Weg nach Erfahrungen. Und bin es sogar immer noch.
Winter ist, wenn du ins JES kommst, Cello und Gitarre sich im Schafthema warm laufen; wenn hinter der Bühne die Seepappe vorbereitet wird (jedes Mal neu, um ins Eis einzubrechen); wenn Kakao ohne Ende im Foyer geschlürft und man nach Autogrammen gefragt wird.
(Sarah, warst du „Schafischaf Sarah?, Franzi, du „Schafischaf Franzi“?)
Aber verliebt habe ich mich schon früher ins Schaf.
In den Winterferien während meines Studiums bin ich mit meinen Eltern ins JES, „Ein Schaf fürs Leben“ gucken. Ich saß so beglückt in dieser Vorstellung- Danke liebe Sarah, sooo schön- und genauso happy war ich, als ich erfahren habe, dass ich das Schaf übernehmen werde…
Und dann gings zuerst mit dem erfahrenen, routinierten Wolf los. Eine Saison in der ich viel gelernt habe. Als sich der Alex-Wolf dann das letzte Mal an mich gekuschelt hat und ich ihm das letzte mal die Mütze in die Hand gelegt habe-puh, da sind die letzten Worte nur schluchzend aus dem Schaf gekommen…
Aber weiter geht mit glitzernden Schlittenspuren und fetzigen Gitarrenriffs in Richtung Erfahrungen- und zwar mit neuem Wolf!
Faris-Wolf hat mehr Bart, er jault mit tieferer Stimme und auf einmal ist das Anna-Lena-Schaf die erfahrene Kollegin, die den Schlitten zieht. Ich kann euch sagen: der neue Wolf macht das toll, und wir genießen jeden Kreischer, jedes Seufzen, jedes „pass auf Schaf!!“aus dem Publikum wie eh und je.
Auch Faris und ich haben Frank und Céline im Rücken, im wahrsten Sinne des Wortes. So gut, dass ihr da seid! Die beiden tragen uns und halten uns und wir sind zu viert auf der Schlittenfahrt. Nein, stimmt nicht! Mit dabei sind all die Kitas, Theaterpaten, Schulklassen,…wir sind immer zusammen unterwegs…
So lang schon gell? 13 Jahre-stimmt das?
Wow!
Egal! Noch immer kommen wir vier grinsend und happy von der Bühne, vollgestopft mit Hollywood-Schnee-Zauber vom Schaferdischaf…
Ach ja: Danke Schafischaf, für dein großes Herz, deinen Mut und deine Aufrichtigkeit, die uns alle drei auf unseren ersten Schritten am JES begleitet hat.
Und dass du einfach machst, auf was du Bock hast. Auch wenn‘s mal gruselig wird. Und einfach immer weiterstapfst durch den Wald und den Schnee.
Der aus tausend winzigkleinen (Atempause, Gitarre spielt kurz) Diamanten zu sein scheint.
Fühlt euch schaftwollig geschmust und gedrückt,

Eure Anna-Lena

Drei Schafe fürs Leben


Es ist der absolute Longseller am JES: „Ein Schaf fürs Leben“ nach einer Erzählung von Maritgen Matter, inszeniert von JES-Intendantin Brigitte Dethier. In über 200 Vorstellungen, haben bislang rund  35.000 Besucher*innen die Geschichte einer eigentlich unmöglichen Freundschaft miterlebt. Die beiden Musiker*innen Céline Papion und Frank Wolf haben dabei im Laufe der Jahre drei unterschiedliche Schafe und zwei Wölfe auf der Bühne begleitet. In einem Kettenbrief tauschen sich die drei Schaf-Spielerinnen über ihre Erfahrungen mit Erfahrungen und Wölfen, Musik und Publikum aus: 

Sarah Kempin:
Meine erste Produktion am JES. Woran erinnere ich mich? An die wundersame Stadt „Erfahrungen“. An meinen Freund, den Wolf. An unsere Schlittenfahrt. An Wolfs Krankheit. „Gibt‘s hier denn keine Suppe? Oder warme Milch? Oder IRGENDWAS???“ An die goldene Uhr. Nach ca. 50 Vorstellungen hab ich mir eine goldene Digitaluhr gekauft. Die waren in Mode. Aber als ich so eine zum erstmal am Handgelenk einer hippen Kellnerin gesehen habe, bin ich full on in Schafmodus geswitcht. „Ist die aus Gold??“ Haha!
Ich erinnere mich an Aufwärmen in der Garderobe und noch hinter den Vorhängen. Aufwärmübungen wie für ein Leichtathletik Turnier. Dann ein Blick von Céline, die ersten Cellotöne, ein Blick über die Bühne zu Alex. Wir nicken uns kurz zu. Los geht’s. Ein paar Schritte ins Licht, in die Welle der Publikumsaufmerksamkeit. Dann kommt meine Lampe von der Decke. Dann entdecke ich die Tür im Bühnenboden und öffne meine gemütliche Stallkoje. Ich wickle mich in die wunderbare Wolldecke, an der wir alle mitgestrickt haben während der Proben. Daran denke ich eigentlich jedes Mal. Dann das spannende Buch. Jedes Mal lese ich die gleiche Seite, den gleichen Abschnitt. Und trotzdem kann ich mich jetzt nicht mehr erinnern. Seite 121 war das glaub ich, und irgendwann hat sie sich aus dem Buch gelöst, glaub ich. Gleichzeitig freue ich mich über Alex und Franks Rockstarwolfauftritt und die Reaktionen.
In den ersten 20 meiner insgesamt 98 Vorstellungen habe ich gelernt, dass es schön ist, einen direkten Kontakt zum Publikum aufzubauen. Und gleichzeitig, dass ich die Zügel bzw das Seil nie ganz aus der Hand geben darf.
In einer anderen Vorstellung habe ich beim Singen eine Flocke Hollywoodschnee aus 100% Plastik eingeatmet und konnte nur noch husten. Keinesfalls mehr singen. Céline und Frank haben das musikalisch aufgefangen, irgendwann ging’s wieder und wir konnten alle gemeinsam weiter durch den verschneiten Wald stapfen.
A propos verschneiter Wald. Nach ca 70 Vorstellungen habe ich großen Spaß daran entwickelt, hier Spannung aufzubauen: … die Baumstämme sahen aus wie die dicken haarigen Beine von einem großen schwarzen Tier. Von Ferne konnte man hören, wie es die Tatzen eine nach der andren aufsetzte. Ploff, Ploff...
VIELLEICHT EIN HAI!!! Schrie es da einmal begeistert aufgeregt aus dem Publikum. "Der Hai im verschneiten Wald" ist und bleibt wahrscheinlich für immer mein liebster Theatermoment.
Es war immer eine Freude, mit Alex zu spielen. Wir waren eigentlich immer auf Entdeckungsreise und haben uns unterstützt und Energie zugeschoben, falls mal einer weniger Kraft hatte, oder nicht ganz bei voller Gesundheit war. Was ja auch vorkommt. Was ich aber immer ziemlich ignoriert habe. Weiß garnicht, ob das Schaf das gut heißen würde.

Wir hatten, wenn ich mich recht erinnere, 6 Wochen Probezeit. Die ersten 6 Wochen auf der JES Probebühne. Julia Schiller hat das zeitlose Bühnenbild und die ebensolchen Kostüme entworfen. Gemütlich, geborgen, einfach und trotzdem voller Spielmöglichkeiten.
Gitti hat die Regie gemacht. Nach etwa vier Wochen waren wir durch das ganze Stück gekommen. Dann kam Gitti auf die nächste Probe und hat gesagt: „Es fühlt sich an, als wären wir fertig. Das macht mich nervös. Hab ich was vergessen? Hab ich es mir zu leicht gemacht?“  Es hat mich nachhaltig beeindruckt, dass sie ihre Zweifel offengelegt hat und dass sie bereit war und uns alle ermutigt hat, weiter zu suchen.
Ich erinnere mich gerne und mit viel Wärme an die Produktion, an alle Beteiligten und an viele viele Vorstellungen. In Stuttgart, in Luxemburg und bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen in einem Zirkuszelt.
Oh und da fallen mir ja gleich noch zwei Lieblingsannekdoten ein. In Recklinghausen haben eine Mutter und ihre ca 5 jährigen Tochter nach der Vorstellung auf den Wolf und das Schaf gewartet. Die Mutter meinte, das Mädchen wolle mit mir sprechen. Sie hat aber nicht gesprochen. Also hab ich mich zu ihr gekniet und da hat sie mich einfach in den Arm genommen und ganz fest gedrückt. Ich glaube am selben Tag ist ein ca 5 jähriger Junge nach der Vorstellung da geblieben. Er hat Alex erzählt, dass er alles ganz toll fand, den Wolf, das Schaf, aber, dass er uns was sagen müsse. Es tue ihm leid, aber manchmal konnte er uns nicht zusehen, weil er die Augen zumachen musste. Weil die Musik so schön war dass er nur zuhören wollte.
Schaferdischaf. Gute Erinnerungen. Und jetzt bin ich schon Schafoma. Liebes Franzi-Schaf, liebes Anna-Lena Schaf, was wollt ihr erzählen? Wie war es, in eine existierende Inszenierung einzusteigen? Was habt ihr im Wald erlebt? Und auf dem Weg nach Erfahrungen?

Liebe,
Eure Sarah

 

Franziska Schmitz:
Oma Schaf, wir waren am gleichen Ort. Am Ort Erfahungen im Lande JES mit unserem guten Freund Wolf. Das merk ich sofort.
Als ich die Inszenierung übernahm, war ich ganz neu am JES, neu in Stuttgart. Ich kam frisch von der Schauspielschule und es war das erste Mal das ich für diese Altersgruppe (5+) spielen sollte.
Als ich das Bühnenbild zum ersten Mal sah, war es schon etwas in die Jahre gekommen und als ich das Stück zum ersten Mal las, hatte ich Fragen an die 'typisch männlich'/ 'typisch weiblichen' Rollenbeschreibungen.
Dann ging es an die Proben mit großartigen Kolleg:innen, mit denen ich erkannte, dass diese Geschichte über Freundschaft, Liebe, Mut, Neugier und Lebenslust zeitlos ist!
Das Schaf kroch mir innerhalb weniger Tage unter die Haut und ich liebte ihren Tatendrang, ihre Gutmütigkeit und Unvoreingenommenheit sehr.
Bestens vorbereitet freute ich mich auf meine Premiere! (Auch was besonderes, wenn man die einzige ist für die es eine Premiere ist)
Hajaaaa! Und dann erlebte ich die Energie und die Eigenwilligkeit unseres Publikums!
,Pass auf Schaf' 'Versuch es doch Mal so...' , 'Das ist aber kein echter Schnee, oder?' waren nur einige wenige der Kommentare die mich am Anfang noch sehr irritierten. Jede Vorstellung hat da ihre ganz eigene Gruppendynamik, ihren ganz eigenen Rhythmus!
Ich habe die Schafvorstellungen geliebt! Sie waren das, was ich von Theater wollte: Lebendigkeit im hier und jetzt!
Aber Lebendigkeit heißt auch sich weiter zu bewegen weiter nach Herausforderungen zu suchen, daher verließ ich nach drei Jahren, das JES einen wichtigen Ort der Erfahrungen und hinterließ meiner Nachfolgerin Anna-Lena schweren Herzens eine wunderschöne Geschichte für ein wunderbares Publikum!
Anna-Lena, erzähl! Wie erging es dir? Du kanntest das (Oma) Schaf auch schon als Zuschauerinnen, richtig??! Ein neuer Wolf kam ins Spiel und auf ging's in eine neue Schlittenfahrt nach Erfahrungen....

 

Anna-Lena Hitzfeld:
Liebe Schafischafs, ja, ich war auch da, auf dem Weg nach Erfahrungen. Und bin es sogar immer noch.
Winter ist, wenn du ins JES kommst, Cello und Gitarre sich im Schafthema warm laufen; wenn hinter der Bühne die Seepappe vorbereitet wird (jedes Mal neu, um ins Eis einzubrechen); wenn Kakao ohne Ende im Foyer geschlürft und man nach Autogrammen gefragt wird.
(Sarah, warst du „Schafischaf Sarah?, Franzi, du „Schafischaf Franzi“?)
Aber verliebt habe ich mich schon früher ins Schaf.
In den Winterferien während meines Studiums bin ich mit meinen Eltern ins JES, „Ein Schaf fürs Leben“ gucken. Ich saß so beglückt in dieser Vorstellung- Danke liebe Sarah, sooo schön- und genauso happy war ich, als ich erfahren habe, dass ich das Schaf übernehmen werde…
Und dann gings zuerst mit dem erfahrenen, routinierten Wolf los. Eine Saison in der ich viel gelernt habe. Als sich der Alex-Wolf dann das letzte Mal an mich gekuschelt hat und ich ihm das letzte mal die Mütze in die Hand gelegt habe-puh, da sind die letzten Worte nur schluchzend aus dem Schaf gekommen…
Aber weiter geht mit glitzernden Schlittenspuren und fetzigen Gitarrenriffs in Richtung Erfahrungen- und zwar mit neuem Wolf!
Faris-Wolf hat mehr Bart, er jault mit tieferer Stimme und auf einmal ist das Anna-Lena-Schaf die erfahrene Kollegin, die den Schlitten zieht. Ich kann euch sagen: der neue Wolf macht das toll, und wir genießen jeden Kreischer, jedes Seufzen, jedes „pass auf Schaf!!“aus dem Publikum wie eh und je.
Auch Faris und ich haben Frank und Céline im Rücken, im wahrsten Sinne des Wortes. So gut, dass ihr da seid! Die beiden tragen uns und halten uns und wir sind zu viert auf der Schlittenfahrt. Nein, stimmt nicht! Mit dabei sind all die Kitas, Theaterpaten, Schulklassen,…wir sind immer zusammen unterwegs…
So lang schon gell? 13 Jahre-stimmt das?
Wow!
Egal! Noch immer kommen wir vier grinsend und happy von der Bühne, vollgestopft mit Hollywood-Schnee-Zauber vom Schaferdischaf…
Ach ja: Danke Schafischaf, für dein großes Herz, deinen Mut und deine Aufrichtigkeit, die uns alle drei auf unseren ersten Schritten am JES begleitet hat.
Und dass du einfach machst, auf was du Bock hast. Auch wenn‘s mal gruselig wird. Und einfach immer weiterstapfst durch den Wald und den Schnee.
Der aus tausend winzigkleinen (Atempause, Gitarre spielt kurz) Diamanten zu sein scheint.
Fühlt euch schaftwollig geschmust und gedrückt,

Eure Anna-Lena

Zwischen Schreibtisch und Probebühne


Ein Autorengespräch

Milan Gather und Christian Schönfelder sind nicht nur Schauspieler und Dramaturg am JES, sondern auch als Autoren tätig: Milan spielt sein eigenes Erstlingswerk „Astronauten“ und inszeniert in der neuen Spielzeit mit „Oma Monika“ sein zweites Stück. Christian hat am JES vor allem in Stückentwicklungen des Ensembles als Autor mitgewirkt.

 

Milan: Christian, was war Deine schönste Autorenerfahrung am JES?

Christian: „Nach Schwaben, Kinder!“, eine Stückentwicklung im allerbesten Sinne. Gemeinsame Recherche vor Ort (alle Beteiligten im Sprinter bis ins Paznauntal), dann hatte jede:r Spieler*in ein Schwabenkind und mindestens eine:n Erwachsene*n, deren Rolle er*sie entwickelt hat über Improvisationen, Recherchen und Gespräche. Das war wie ein gemeinsamer Rausch, zumindest habe ich das so in Erinnerung. Tagsüber Impros, abends geschrieben, am nächsten Tag auf der Probe überprüft.

Milan: Wow, das klingt wirklich toll! Improvisationen in eine schlanke, dramatische Form zu bringen, gab es dabei Konfliktpotenzial? Dass ein:e Spieler:in am nächsten Tag sagt: "aber wir haben doch etwas ganz anderes gespielt!"?

Christian: Klar, das kommt vor. Das ist ein bisschen wie beim nicht-kollektiven Schreiben auch: Manchmal wollen die Figuren partout nicht so, wie ich es bräuchte im Sinne des ausgedachten Plots. Nur dass dann die Figuren nicht in meinem Kopf protestieren, sondern auf der Bühne. Meist hat das zu sehr fruchtbaren Diskussionen geführt. Wie sind denn deine Erfahrungen mit solchen kollektiven Autor:innenschaften?

Milan: In der Form habe ich so etwas noch nicht gemacht. Aber wir haben im ersten Lockdown mit einigen Kolleg:innen eine eigene Peter Pan Geschichte geschrieben - im Kollektiv. Das war eine sehr schöne Erfahrung. Natürlich war das stilistisch erstmal ein großes Durcheinander, aber vor allem war es schön, von allen Beteiligten Ideen, Momente und Fantasien in der Geschichte zu vereinen.

Christian: Schöner als dich an deinen Schreibtisch zu setzen und selbst eine Geschichte zu erfinden? 

Milan: Gute Frage. Am Schreibtisch zu sitzen und Ideen zu haben, sich über blöde Witze, Erfindungen und Dialoge diebisch zu freuen und selber gespannt zu sein, wie das, was man da schreibt, weitergeht, darauf möchte ich natürlich nicht verzichten. Aber: Jeder Geschichte, jedem Stück tut es gut, aus möglichst vielen Perspektiven angereichert zu werden. Und man kann, vielleicht gerade als Autor:in, daran mitarbeiten, vielen unterschiedlichen Menschen eine Stimme zu geben und sie einzuladen. Jetzt frag mich aber bitte nicht, wie das ganz konkret geht.

Christian: Ich behelfe mich oft mit historischen Stoffen:  über Auswanderung und Machtmissbrauch zu erzählen anhand der Schwabenkinder oder der Menschen, die im 19. Jahrhundert aus Deutschland nach Amerika ausgewandert sind („The Emigrants“). Jenseits dessen kann man natürlich bei der Themensuche auch immer von sich und seinen eigenen Erfahrungen ausgehen wie du bei deinen beiden JES-Stücken.

Milan: "Oma Monika" ist tatsächlich ein Stück, das zu einem großen Teil aus meiner Kindheit und Jugend entspringt. Ich habe als Kind viel Zeit mit meinen Großeltern verbracht, auch noch, als sie zunehmend dement wurden. Und ich habe sie so angenommen, wie sie waren. Allerdings habe ich sie kaum zu ihren Lebensgeschichten befragt, was ich heute sehr bereue. Und die Mischung aus kindlicher Zugewandtheit einer Oma gegenüber und dem Interesse an ihrer Biographie, das wollte ich in "Oma Monika" kombinieren.

Christian: Und bei „Astronauten“?

Milan: Ursprünglich auch eine persönliche Geschichte, die mit Mobbing zu tun hat, die mir wie wieder "eingefallen" ist. Das ganze Nebenthema mit der Raumfahrt kam erst viel später bei der Suche nach einer Form, nach einem Spielanlass, nach einem Setting. Dann bin ich mal von einem Thema ausgegangen, das mich einfach wahnsinnig interessiert und beschäftigt: Wie ist alles entstanden? Woher kommt die Welt? Warum sind wir da? Bei dem Versuch, darüber ein Stück zu schreiben, bin ich beim ersten Anlauf erstmal gescheitert. Aber dann habe ich zusammen mit Silke aus der Theaterpädagogik einen interaktiven Spaziergang dazu entwickelt, mit wesentlich weniger Text. Da habe ich gelernt, dass man sich je nach Thema manchmal für Formen und Formate öffnen muss, die man eigentlich gar nicht vorgesehen hatte. Wie ist das bei Dir? Was reizt Dich am Anfang? Woher kommen die Ideen?

Christian: Sehr unterschiedlich. Workshops mit dem Zielpublikum, Lektüre, Romane, Museen. Die Idee zu „The Emigrants“ zum Beispiel kam mir im Auswanderermuseum in Bremerhaven. Wie stellst du dir denn idealerweise die Zusammenarbeit mit dem Theater vor, wenn es eher der klassische Art Stückauftrag ist und nicht eine kollektive Stückentwicklung?

Milan: Tja, da habe ich tatsächlich schon sehr gute Erfahrungen am JES gemacht. Der Austausch mit Dir als Dramaturg und den übrigen Kolleg:innen, die Feedbacks, das gemeinsam drüber nachdenken, diskutieren, abwägen, dann wieder schreiben, nächste Feedbackschleife, das funktioniert gut. Nicht zu vergessen die Try-Out-Lesung von „Oma Monika“ über ein Jahr vor der Premiere, bei der das Publikum ganz wertvolles Feedback zum Weiterschreiben gegeben hat, das war ein riesiges Geschenk! Diese Kommunikation wurde natürlich dadurch erleichtert, dass wir an einem Haus arbeiten. Und trotzdem glaube ich, dass das auch mit externen Autor:innen gut geht. Der Kern einer guten, fruchtbaren Zusammenarbeit, bei der beide Seiten profitieren und etwas mitnehmen, ist glaube ich, dass man sich ehrlich und auf Augenhöhe spiegelt, was man über die Texte, um die es geht, denkt.

Zwischen Schreibtisch und Probebühne


Ein Autorengespräch

Milan Gather und Christian Schönfelder sind nicht nur Schauspieler und Dramaturg am JES, sondern auch als Autoren tätig: Milan spielt sein eigenes Erstlingswerk „Astronauten“ und inszeniert in der neuen Spielzeit mit „Oma Monika“ sein zweites Stück. Christian hat am JES vor allem in Stückentwicklungen des Ensembles als Autor mitgewirkt.

 

Milan: Christian, was war Deine schönste Autorenerfahrung am JES?

Christian: „Nach Schwaben, Kinder!“, eine Stückentwicklung im allerbesten Sinne. Gemeinsame Recherche vor Ort (alle Beteiligten im Sprinter bis ins Paznauntal), dann hatte jede:r Spieler*in ein Schwabenkind und mindestens eine:n Erwachsene*n, deren Rolle er*sie entwickelt hat über Improvisationen, Recherchen und Gespräche. Das war wie ein gemeinsamer Rausch, zumindest habe ich das so in Erinnerung. Tagsüber Impros, abends geschrieben, am nächsten Tag auf der Probe überprüft.

Milan: Wow, das klingt wirklich toll! Improvisationen in eine schlanke, dramatische Form zu bringen, gab es dabei Konfliktpotenzial? Dass ein:e Spieler:in am nächsten Tag sagt: "aber wir haben doch etwas ganz anderes gespielt!"?

Christian: Klar, das kommt vor. Das ist ein bisschen wie beim nicht-kollektiven Schreiben auch: Manchmal wollen die Figuren partout nicht so, wie ich es bräuchte im Sinne des ausgedachten Plots. Nur dass dann die Figuren nicht in meinem Kopf protestieren, sondern auf der Bühne. Meist hat das zu sehr fruchtbaren Diskussionen geführt. Wie sind denn deine Erfahrungen mit solchen kollektiven Autor:innenschaften?

Milan: In der Form habe ich so etwas noch nicht gemacht. Aber wir haben im ersten Lockdown mit einigen Kolleg:innen eine eigene Peter Pan Geschichte geschrieben - im Kollektiv. Das war eine sehr schöne Erfahrung. Natürlich war das stilistisch erstmal ein großes Durcheinander, aber vor allem war es schön, von allen Beteiligten Ideen, Momente und Fantasien in der Geschichte zu vereinen.

Christian: Schöner als dich an deinen Schreibtisch zu setzen und selbst eine Geschichte zu erfinden? 

Milan: Gute Frage. Am Schreibtisch zu sitzen und Ideen zu haben, sich über blöde Witze, Erfindungen und Dialoge diebisch zu freuen und selber gespannt zu sein, wie das, was man da schreibt, weitergeht, darauf möchte ich natürlich nicht verzichten. Aber: Jeder Geschichte, jedem Stück tut es gut, aus möglichst vielen Perspektiven angereichert zu werden. Und man kann, vielleicht gerade als Autor:in, daran mitarbeiten, vielen unterschiedlichen Menschen eine Stimme zu geben und sie einzuladen. Jetzt frag mich aber bitte nicht, wie das ganz konkret geht.

Christian: Ich behelfe mich oft mit historischen Stoffen:  über Auswanderung und Machtmissbrauch zu erzählen anhand der Schwabenkinder oder der Menschen, die im 19. Jahrhundert aus Deutschland nach Amerika ausgewandert sind („The Emigrants“). Jenseits dessen kann man natürlich bei der Themensuche auch immer von sich und seinen eigenen Erfahrungen ausgehen wie du bei deinen beiden JES-Stücken.

Milan: "Oma Monika" ist tatsächlich ein Stück, das zu einem großen Teil aus meiner Kindheit und Jugend entspringt. Ich habe als Kind viel Zeit mit meinen Großeltern verbracht, auch noch, als sie zunehmend dement wurden. Und ich habe sie so angenommen, wie sie waren. Allerdings habe ich sie kaum zu ihren Lebensgeschichten befragt, was ich heute sehr bereue. Und die Mischung aus kindlicher Zugewandtheit einer Oma gegenüber und dem Interesse an ihrer Biographie, das wollte ich in "Oma Monika" kombinieren.

Christian: Und bei „Astronauten“?

Milan: Ursprünglich auch eine persönliche Geschichte, die mit Mobbing zu tun hat, die mir wie wieder "eingefallen" ist. Das ganze Nebenthema mit der Raumfahrt kam erst viel später bei der Suche nach einer Form, nach einem Spielanlass, nach einem Setting. Dann bin ich mal von einem Thema ausgegangen, das mich einfach wahnsinnig interessiert und beschäftigt: Wie ist alles entstanden? Woher kommt die Welt? Warum sind wir da? Bei dem Versuch, darüber ein Stück zu schreiben, bin ich beim ersten Anlauf erstmal gescheitert. Aber dann habe ich zusammen mit Silke aus der Theaterpädagogik einen interaktiven Spaziergang dazu entwickelt, mit wesentlich weniger Text. Da habe ich gelernt, dass man sich je nach Thema manchmal für Formen und Formate öffnen muss, die man eigentlich gar nicht vorgesehen hatte. Wie ist das bei Dir? Was reizt Dich am Anfang? Woher kommen die Ideen?

Christian: Sehr unterschiedlich. Workshops mit dem Zielpublikum, Lektüre, Romane, Museen. Die Idee zu „The Emigrants“ zum Beispiel kam mir im Auswanderermuseum in Bremerhaven. Wie stellst du dir denn idealerweise die Zusammenarbeit mit dem Theater vor, wenn es eher der klassische Art Stückauftrag ist und nicht eine kollektive Stückentwicklung?

Milan: Tja, da habe ich tatsächlich schon sehr gute Erfahrungen am JES gemacht. Der Austausch mit Dir als Dramaturg und den übrigen Kolleg:innen, die Feedbacks, das gemeinsam drüber nachdenken, diskutieren, abwägen, dann wieder schreiben, nächste Feedbackschleife, das funktioniert gut. Nicht zu vergessen die Try-Out-Lesung von „Oma Monika“ über ein Jahr vor der Premiere, bei der das Publikum ganz wertvolles Feedback zum Weiterschreiben gegeben hat, das war ein riesiges Geschenk! Diese Kommunikation wurde natürlich dadurch erleichtert, dass wir an einem Haus arbeiten. Und trotzdem glaube ich, dass das auch mit externen Autor:innen gut geht. Der Kern einer guten, fruchtbaren Zusammenarbeit, bei der beide Seiten profitieren und etwas mitnehmen, ist glaube ich, dass man sich ehrlich und auf Augenhöhe spiegelt, was man über die Texte, um die es geht, denkt.

Wie die Luft zum Atmen


Schöne Aussicht 2021 und in der Zukunft

Von Grete Pagan

Ob ich etwas schreiben kann zu den Erfahrungen mit Schöne Aussicht der jüngsten Zeit und dazu, wie ich mir die künftige Entwicklung vorstelle? Klar, gerne.
Aber dann denke wieder ich an die jüngsten Festivalerfahrungen und habe einen Kloß im Hals.
Schockstarre. Hoffnung. Sorge. Schleichende Zweifel. Enttäuschung. Verschiebung und Umplanung. Zuversicht. Die ins Wanken gerät. Umdenken, neu denken, umwerfen, absagen, verlegen. Das sind die prägendsten Erfahrungen des letzten Festivaljahres.
Halt. Da sind noch andere.
Zum Beispiel die, nicht aufzugeben. Und die, dass das nur im Team geht.
Herauszuarbeiten, was die Schöne Aussicht ausmacht - zu überlegen wie und was davon wir unter den gegebenen Umständen ermöglichen können:

Das Arbeitstreffen der Baden-Württembergischen Theater für junges Publikum: vor allen Dingen Austauschplattform, Begegnungen, Gesprächsräume aber auch Weiterbildung und Inspirationsquelle, Horizonterweiterung.
Das Internationale Festival: Plattform für inspirierendes, herausforderndes, bewegendes Theater für junges Publikum aus aller Welt. Für die Kolleg*innen aus Ba-Wü vielleicht Anstöße und Impulse. Für die Kolleg*innen aus der nationalen und internationalen Szene Treffpunkt und Ideenbörse, auch Gastspielmesse… Und für das Stuttgarter Publikum, Kinder, Jugendliche, Erwachsene: die Möglichkeit, sich überraschen zu lassen, Sprachen zu hören, die im Stuttgarter Alltag selten klingen, die manchen vertraut sind - oder nie gehört wurden. Zu erfahren, was Menschen in anderen Teilen der Welt bewegt - zu merken wo ich mich wieder erkenne und was mir fremd ist.
Vieles davon ist in einem Festival zu Pandemiezeiten nicht möglich.
Aber einiges eben doch.
Und so haben wir uns immer wieder aufgerafft und neu gedacht und ein ungewöhnliches Festival 2021 erdacht, anders, kleiner, stiller als sonst - aber auch beweglicher und freier.

Geholfen haben uns dabei Festivalerfahrungen anderer Festivals, die vor uns den digitalen Weg beschritten haben.
Die Kuration und Durchführung des Augenblick Mal! Festival des Theaters für junges Publikum in Berlin, das 2021 (fast) komplett vor dem Bildschirm stattfand beispielsweise.
Die prägendste Erfahrung des Kurationsprozesses war, dass wirkliche Auseinandersetzung über Videokonferenzen nicht möglich ist. Um Haltungen zu entwickeln, Meinungen zu bilden, zu überzeugen und sich überzeugen zu lassen braucht es die leibliche Kopräsenz. „In der Kachel“ fehlt mir das körperliche Involvement. Ich spüre keine Stimmungen der Kolleg*innen, die Hormone im Raum schwappen nicht über.
Das gilt natürlich auch für die Festivaltage im virtuellen Berlin, wobei dort mit viel Aufwand eine leichte und beschwingte Festivalatmosphäre geschaffen wurde, die mich vor meinem Bildschirm in eine Festivalblase eingesaugt hat.

Eine andere Erkenntnis des letzten Jahres ist die Kostbarkeit unserer internationalen Beziehungen. Ich erinnere mich an sehr berührende Telefonate und Emailaustausch mit Kolleg*innen in vielen Ecken der Welt, in denen wir unseren Schock, unsere Verzweiflung und unseren Ärger teilen konnten und uns gegenseitig stärken, Hoffnung geben, uns Verspechen dass wir uns sobald wie möglich wieder sehen und uns in die Arme fallen.

Was also wünsche ich mir für die Schöne Aussicht in zukünftigen Zeiten?
In der nahen Zukunft wünsche ich mir, dass sie wieder sein darf, wie sie will: bunt, wild und wunderbar.
Und darüber hinaus wünsche ich mir, dass wir unsere internationalen Freundschaften stärken und ausbauen, um Solidarität auch über Grenzen hinaus weiter zu denken. Ich wünsche mir Mut, in der Programmgestaltung Wagnisse einzugehen - uns herauszufordern.
Ich wünsche mir für das Arbeitstreffen, dass etwas von dem Geist dieses Jahres erhalten bleibt, weniger Wettbewerb darum, wer spielen darf, und mehr inhaltlichen Austausch über Dinge, die uns  in unserer Arbeit bewegen.
Und ich wünsche mir für das Stuttgarter Publikum, dass es in einem prallvollen Festivalprogramm gemeinschaftliche Erlebnisse haben kann, die seine Vorstellungskraft herausfordern und seine Herzen zum Klopfen bringen.

Wir brauchen Kultur damit unsere Seelen atmen können. Und wir brauchen den Austausch mit anderen Kulturen, damit wir frische Luft zum Atmen haben.

Wie die Luft zum Atmen


Schöne Aussicht 2021 und in der Zukunft

Von Grete Pagan

Ob ich etwas schreiben kann zu den Erfahrungen mit Schöne Aussicht der jüngsten Zeit und dazu, wie ich mir die künftige Entwicklung vorstelle? Klar, gerne.
Aber dann denke wieder ich an die jüngsten Festivalerfahrungen und habe einen Kloß im Hals.
Schockstarre. Hoffnung. Sorge. Schleichende Zweifel. Enttäuschung. Verschiebung und Umplanung. Zuversicht. Die ins Wanken gerät. Umdenken, neu denken, umwerfen, absagen, verlegen. Das sind die prägendsten Erfahrungen des letzten Festivaljahres.
Halt. Da sind noch andere.
Zum Beispiel die, nicht aufzugeben. Und die, dass das nur im Team geht.
Herauszuarbeiten, was die Schöne Aussicht ausmacht - zu überlegen wie und was davon wir unter den gegebenen Umständen ermöglichen können:

Das Arbeitstreffen der Baden-Württembergischen Theater für junges Publikum: vor allen Dingen Austauschplattform, Begegnungen, Gesprächsräume aber auch Weiterbildung und Inspirationsquelle, Horizonterweiterung.
Das Internationale Festival: Plattform für inspirierendes, herausforderndes, bewegendes Theater für junges Publikum aus aller Welt. Für die Kolleg*innen aus Ba-Wü vielleicht Anstöße und Impulse. Für die Kolleg*innen aus der nationalen und internationalen Szene Treffpunkt und Ideenbörse, auch Gastspielmesse… Und für das Stuttgarter Publikum, Kinder, Jugendliche, Erwachsene: die Möglichkeit, sich überraschen zu lassen, Sprachen zu hören, die im Stuttgarter Alltag selten klingen, die manchen vertraut sind - oder nie gehört wurden. Zu erfahren, was Menschen in anderen Teilen der Welt bewegt - zu merken wo ich mich wieder erkenne und was mir fremd ist.
Vieles davon ist in einem Festival zu Pandemiezeiten nicht möglich.
Aber einiges eben doch.
Und so haben wir uns immer wieder aufgerafft und neu gedacht und ein ungewöhnliches Festival 2021 erdacht, anders, kleiner, stiller als sonst - aber auch beweglicher und freier.

Geholfen haben uns dabei Festivalerfahrungen anderer Festivals, die vor uns den digitalen Weg beschritten haben.
Die Kuration und Durchführung des Augenblick Mal! Festival des Theaters für junges Publikum in Berlin, das 2021 (fast) komplett vor dem Bildschirm stattfand beispielsweise.
Die prägendste Erfahrung des Kurationsprozesses war, dass wirkliche Auseinandersetzung über Videokonferenzen nicht möglich ist. Um Haltungen zu entwickeln, Meinungen zu bilden, zu überzeugen und sich überzeugen zu lassen braucht es die leibliche Kopräsenz. „In der Kachel“ fehlt mir das körperliche Involvement. Ich spüre keine Stimmungen der Kolleg*innen, die Hormone im Raum schwappen nicht über.
Das gilt natürlich auch für die Festivaltage im virtuellen Berlin, wobei dort mit viel Aufwand eine leichte und beschwingte Festivalatmosphäre geschaffen wurde, die mich vor meinem Bildschirm in eine Festivalblase eingesaugt hat.

Eine andere Erkenntnis des letzten Jahres ist die Kostbarkeit unserer internationalen Beziehungen. Ich erinnere mich an sehr berührende Telefonate und Emailaustausch mit Kolleg*innen in vielen Ecken der Welt, in denen wir unseren Schock, unsere Verzweiflung und unseren Ärger teilen konnten und uns gegenseitig stärken, Hoffnung geben, uns Verspechen dass wir uns sobald wie möglich wieder sehen und uns in die Arme fallen.

Was also wünsche ich mir für die Schöne Aussicht in zukünftigen Zeiten?
In der nahen Zukunft wünsche ich mir, dass sie wieder sein darf, wie sie will: bunt, wild und wunderbar.
Und darüber hinaus wünsche ich mir, dass wir unsere internationalen Freundschaften stärken und ausbauen, um Solidarität auch über Grenzen hinaus weiter zu denken. Ich wünsche mir Mut, in der Programmgestaltung Wagnisse einzugehen - uns herauszufordern.
Ich wünsche mir für das Arbeitstreffen, dass etwas von dem Geist dieses Jahres erhalten bleibt, weniger Wettbewerb darum, wer spielen darf, und mehr inhaltlichen Austausch über Dinge, die uns  in unserer Arbeit bewegen.
Und ich wünsche mir für das Stuttgarter Publikum, dass es in einem prallvollen Festivalprogramm gemeinschaftliche Erlebnisse haben kann, die seine Vorstellungskraft herausfordern und seine Herzen zum Klopfen bringen.

Wir brauchen Kultur damit unsere Seelen atmen können. Und wir brauchen den Austausch mit anderen Kulturen, damit wir frische Luft zum Atmen haben.

Ästhetische Innovationen und (Kultur-)politische Haltungen


Notizen zur Geschichte von „Schöne Aussicht“

Von Manfred Jahnke

 

Ein Festival spiegelt zumindest drei Tendenzen, zum einen den gesellschaftlichen Diskurs in seiner jeweiligen Zeit, zum anderen die experimentellen Entwicklungen in der entsprechenden Szene, schließlich auch bestimmte Vorlieben ihrer suchenden Macher*innen. Das gilt auch für „Schöne Aussicht“, das von der damaligen Kulturbürgermeisterin Iris Jana Magdowski angestoßen wurde, um für ein Theater für ein junges Publikum in Stuttgart zu werben. Es gab schon den Arbeitskreis baden-württembergischer Kinder- und Jugendtheater, der seit 1986 alle zwei Jahre ein eigenes Arbeitstreffen für diese Sparte ausrichtet. Dieses wird nun in „Schöne Aussicht“ integriert, bzw. zunächst als abgetrenntes Programm in dieses aufgenommen. In diesem Beitrag steht allerdings die internationale Schiene im Zentrum, die 1998 und 2000 von Dieter Kümmel und Brigitte Dethier, 2002 von Dieter Kümmel allein verantwortet wird. Seit 2004, mit dem Einzug ins eigenes Haus, dem JES, übernehmen deren Intendantin und Dramaturg*innen die internationale Auswahl für das Festival.

Zu Beginn ist es das Ziel, die hohe ästhetische Qualität des Theaters für ein junges Publikum in der deutschen und in der europäischen Szene zu demonstrieren. Entsprechend hoch ist 1998, 2000 und 2002 der Anteil deutscher Gruppen, um aufzuzeigen, wie entwickelt und vielfältig diese Szene ist – und wie schön es wäre, ein solches Theater in Stuttgart zu haben. Die Aufführungen finden schwerpunktmäßig im alten Theaterhaus statt, aber auch im Theater im Depot und anderen Orten. Spannend ist aus heutiger Sicht, dass in den ersten Jahrzehnten viele italienische Gruppen mit circensischen und Tanzproduktionen auftraten.  Mit der Blauw Vier, die einen Cyrano vorführte, der das Publikum mitriss, tritt 1998 nur eine einzige Gruppe aus Belgien auf, 2012 sind es dann sechs Ensembles aus diesem Land, wobei die Auftritte vom Studio Orka, von BRONKS, von Victoria und vor allen Dingen der Kopergietery und Ives Thuwis-De Leeuw, beeindrucken, aber auch umstritten sind. Nicht nur Tanzproduktionen und Arbeiten, die sich intensiv mit der Zusammenarbeit von Professionellen und Laien auseinandersetzen oder die neuen Videoformen experimentell in die Aufführungen integrieren, sondern mehr noch sind es Tabubrüche wie bei Victoria (2002) oder Gob Squad (2012), bei denen Kinder als Spiegelbild der Erwachsenwelt fungieren: Produktionen, die in der bundesdeutschen Szene so nicht denkbar waren und sind.

Wenn man auf die Geschichte des Festivals zurückblickt, dann fällt auf, dass die Kurator*innen ihr Augenmerk auf Aufführungen gelegt haben, die der Szene nach wie vor Denkanstöße vermitteln und neue ästhetische, auch tabuverhafte Formen auszuprobieren. Und da ragt in Europa die belgische Szene seit den 00ern Jahren mit vielen Arbeiten heraus, die experimentell neue Wege gehen, inhaltlich wie formal. Von ähnlicher Bedeutung ist der Beitrag der Schweiz: Von 1998 – 2021 sind Aufführungen aus diesem Land bei jedem Festival vertreten: Neben Hip-Hop-Theater (aus Basel) dominieren in den ersten Jahren erzählerische Formen wie von Gerd Imbsweiler, Peter Rinderknecht oder Mark Wetter. Von Anfang an gehören das Junge Theater Basel, in dem Jugendliche unter professioneller Leitung kraftvoll zeitgenössische Autoren auf die Bühne bringen, und das Theater Sgaramusch aus Schaffhausen zu den Standbeinen des Festivals. Beide Gruppen zeigen in ihren fetzigen Revuen eine klare Parteilichkeit für die Probleme ihres Publikums.

„Schöne Aussicht“ hat stets in der europäischen Szene nach neuen ästhetischen Entwicklungen Ausschau gehalten. Mit seinen Entdeckungen im Tanztheater, im installativen und im Outdoorbereich, im Theater der Experten, in der Vermischung der szenischen Genres oder nicht ganz so ausgeprägt in digitalen Formen werden Maßstäbe für die Suche nach außergewöhnlichen theatralen Formen gesetzt. Mehr noch: Theatermacher*innen wie Ives Thuwis-De Leeuw, Hanneke Paauwe oder die Gruppe NIE, die die Kunst der politischen Revue in eindringlich emotionalen Bildern grandios beherrscht, werden gleich engagiert, um mit dem Ensemble des JES die Formen für die eigene Spielpraxis auszuprobieren. Diese Verklammerung von Festival und eigener Spielpraxis, konzeptioneller Teil der JES-Programmatik, ist ein Unikat innerhalb der deutschen Szene eines Theaters für ein junges Publikum.

Neugierig vor allen Dingen im westeuropäischen Theater nach neuen Formen zu suchen, gehört zu den Selbstverständlichkeiten für die Auswahl eines Festivals. Aber die Geschichte von „Schöne Aussicht“ zeichnet noch eine andere Stärke aus: Nicht nur die Gründungsausgabe 1998 versteht sich als politische Aktion, nämlich als Projekt Theater für ein junges Publikum in Stuttgart voranzutreiben, das gilt auch für die späteren Ausgaben. Und dies nicht allein in den Aufführungen, sondern mehr noch in den Begleitprogrammen mit seinen Diskussionen, Workshops, Vorträgen und Schwerpunktsetzungen wie „Net-Kids“. Zwar werden nicht immer wie 2016 mit der Flüchtlingsfrage und Gruppen aus dem Senegal, Südafrika und Uganda so engagiert Schwerpunkte gesetzt, aber bei einer Betrachtung der Programme fällt auf, wie viele der eingeladenen Produktionen nicht nur neue Formen ausprobieren, sondern auch im besten Sinne des Wortes politisch sind und wirken. Das gilt nicht nur für die Produktionen der Gruppe NIE, sondern ebenso für andere Aufführungen. Eine der nachdrücklichsten für mich „Weihnachten 1942“ vom Teatr Junich Zritelej aus St. Petersburg, 2002 auf dem Festival: ein russisches Theater setzt hier die Briefe, die deutsche Soldaten aus den letzten Tagen in Stalingrad 1942 an ihre Familien schrieben, szenisch um.

„Schöne Aussicht“ ist in seiner Auswahl ein europa-, besser westeuropäisch orientiertes Festival. In den verschiedenen Programmen lassen sich bis heute nur wenige Inszenierungen aus Russland, Estland, Litauen, Kasachstan und dem Kosovo feststellen. Gruppen aus anderen Kontinenten sind noch weniger zu finden, 2006 aus Korea, 2012,2014 und 2016 aus Südafrika, 2016 auch aus dem Senegal und Uganda, 2018 aus Zaire. Da gäbe es noch Spielraum für eine Erweiterung des Horizonts. Ein Festival, das immer nah an den Bedürfnissen und Erfahrungen seines Publikums ist, das ein Gespür dafür hat, wie die Gesellschaft sich verändert und mit ihr die Formen theatraler Umsetzung, wird immer in Bewegung bleiben, sich ständig wandeln und im Kern sich treu bleiben: Parteilich für die Interessen seines Publikums einzutreten. 

Ästhetische Innovationen und (Kultur-)politische Haltungen


Notizen zur Geschichte von „Schöne Aussicht“

Von Manfred Jahnke

 

Ein Festival spiegelt zumindest drei Tendenzen, zum einen den gesellschaftlichen Diskurs in seiner jeweiligen Zeit, zum anderen die experimentellen Entwicklungen in der entsprechenden Szene, schließlich auch bestimmte Vorlieben ihrer suchenden Macher*innen. Das gilt auch für „Schöne Aussicht“, das von der damaligen Kulturbürgermeisterin Iris Jana Magdowski angestoßen wurde, um für ein Theater für ein junges Publikum in Stuttgart zu werben. Es gab schon den Arbeitskreis baden-württembergischer Kinder- und Jugendtheater, der seit 1986 alle zwei Jahre ein eigenes Arbeitstreffen für diese Sparte ausrichtet. Dieses wird nun in „Schöne Aussicht“ integriert, bzw. zunächst als abgetrenntes Programm in dieses aufgenommen. In diesem Beitrag steht allerdings die internationale Schiene im Zentrum, die 1998 und 2000 von Dieter Kümmel und Brigitte Dethier, 2002 von Dieter Kümmel allein verantwortet wird. Seit 2004, mit dem Einzug ins eigenes Haus, dem JES, übernehmen deren Intendantin und Dramaturg*innen die internationale Auswahl für das Festival.

Zu Beginn ist es das Ziel, die hohe ästhetische Qualität des Theaters für ein junges Publikum in der deutschen und in der europäischen Szene zu demonstrieren. Entsprechend hoch ist 1998, 2000 und 2002 der Anteil deutscher Gruppen, um aufzuzeigen, wie entwickelt und vielfältig diese Szene ist – und wie schön es wäre, ein solches Theater in Stuttgart zu haben. Die Aufführungen finden schwerpunktmäßig im alten Theaterhaus statt, aber auch im Theater im Depot und anderen Orten. Spannend ist aus heutiger Sicht, dass in den ersten Jahrzehnten viele italienische Gruppen mit circensischen und Tanzproduktionen auftraten.  Mit der Blauw Vier, die einen Cyrano vorführte, der das Publikum mitriss, tritt 1998 nur eine einzige Gruppe aus Belgien auf, 2012 sind es dann sechs Ensembles aus diesem Land, wobei die Auftritte vom Studio Orka, von BRONKS, von Victoria und vor allen Dingen der Kopergietery und Ives Thuwis-De Leeuw, beeindrucken, aber auch umstritten sind. Nicht nur Tanzproduktionen und Arbeiten, die sich intensiv mit der Zusammenarbeit von Professionellen und Laien auseinandersetzen oder die neuen Videoformen experimentell in die Aufführungen integrieren, sondern mehr noch sind es Tabubrüche wie bei Victoria (2002) oder Gob Squad (2012), bei denen Kinder als Spiegelbild der Erwachsenwelt fungieren: Produktionen, die in der bundesdeutschen Szene so nicht denkbar waren und sind.

Wenn man auf die Geschichte des Festivals zurückblickt, dann fällt auf, dass die Kurator*innen ihr Augenmerk auf Aufführungen gelegt haben, die der Szene nach wie vor Denkanstöße vermitteln und neue ästhetische, auch tabuverhafte Formen auszuprobieren. Und da ragt in Europa die belgische Szene seit den 00ern Jahren mit vielen Arbeiten heraus, die experimentell neue Wege gehen, inhaltlich wie formal. Von ähnlicher Bedeutung ist der Beitrag der Schweiz: Von 1998 – 2021 sind Aufführungen aus diesem Land bei jedem Festival vertreten: Neben Hip-Hop-Theater (aus Basel) dominieren in den ersten Jahren erzählerische Formen wie von Gerd Imbsweiler, Peter Rinderknecht oder Mark Wetter. Von Anfang an gehören das Junge Theater Basel, in dem Jugendliche unter professioneller Leitung kraftvoll zeitgenössische Autoren auf die Bühne bringen, und das Theater Sgaramusch aus Schaffhausen zu den Standbeinen des Festivals. Beide Gruppen zeigen in ihren fetzigen Revuen eine klare Parteilichkeit für die Probleme ihres Publikums.

„Schöne Aussicht“ hat stets in der europäischen Szene nach neuen ästhetischen Entwicklungen Ausschau gehalten. Mit seinen Entdeckungen im Tanztheater, im installativen und im Outdoorbereich, im Theater der Experten, in der Vermischung der szenischen Genres oder nicht ganz so ausgeprägt in digitalen Formen werden Maßstäbe für die Suche nach außergewöhnlichen theatralen Formen gesetzt. Mehr noch: Theatermacher*innen wie Ives Thuwis-De Leeuw, Hanneke Paauwe oder die Gruppe NIE, die die Kunst der politischen Revue in eindringlich emotionalen Bildern grandios beherrscht, werden gleich engagiert, um mit dem Ensemble des JES die Formen für die eigene Spielpraxis auszuprobieren. Diese Verklammerung von Festival und eigener Spielpraxis, konzeptioneller Teil der JES-Programmatik, ist ein Unikat innerhalb der deutschen Szene eines Theaters für ein junges Publikum.

Neugierig vor allen Dingen im westeuropäischen Theater nach neuen Formen zu suchen, gehört zu den Selbstverständlichkeiten für die Auswahl eines Festivals. Aber die Geschichte von „Schöne Aussicht“ zeichnet noch eine andere Stärke aus: Nicht nur die Gründungsausgabe 1998 versteht sich als politische Aktion, nämlich als Projekt Theater für ein junges Publikum in Stuttgart voranzutreiben, das gilt auch für die späteren Ausgaben. Und dies nicht allein in den Aufführungen, sondern mehr noch in den Begleitprogrammen mit seinen Diskussionen, Workshops, Vorträgen und Schwerpunktsetzungen wie „Net-Kids“. Zwar werden nicht immer wie 2016 mit der Flüchtlingsfrage und Gruppen aus dem Senegal, Südafrika und Uganda so engagiert Schwerpunkte gesetzt, aber bei einer Betrachtung der Programme fällt auf, wie viele der eingeladenen Produktionen nicht nur neue Formen ausprobieren, sondern auch im besten Sinne des Wortes politisch sind und wirken. Das gilt nicht nur für die Produktionen der Gruppe NIE, sondern ebenso für andere Aufführungen. Eine der nachdrücklichsten für mich „Weihnachten 1942“ vom Teatr Junich Zritelej aus St. Petersburg, 2002 auf dem Festival: ein russisches Theater setzt hier die Briefe, die deutsche Soldaten aus den letzten Tagen in Stalingrad 1942 an ihre Familien schrieben, szenisch um.

„Schöne Aussicht“ ist in seiner Auswahl ein europa-, besser westeuropäisch orientiertes Festival. In den verschiedenen Programmen lassen sich bis heute nur wenige Inszenierungen aus Russland, Estland, Litauen, Kasachstan und dem Kosovo feststellen. Gruppen aus anderen Kontinenten sind noch weniger zu finden, 2006 aus Korea, 2012,2014 und 2016 aus Südafrika, 2016 auch aus dem Senegal und Uganda, 2018 aus Zaire. Da gäbe es noch Spielraum für eine Erweiterung des Horizonts. Ein Festival, das immer nah an den Bedürfnissen und Erfahrungen seines Publikums ist, das ein Gespür dafür hat, wie die Gesellschaft sich verändert und mit ihr die Formen theatraler Umsetzung, wird immer in Bewegung bleiben, sich ständig wandeln und im Kern sich treu bleiben: Parteilich für die Interessen seines Publikums einzutreten. 

Ein roter Teppich


Das vernetzte JES: Partnerschulen

Mit unseren Partnerlehrer*innen und Partnerschulen stehen wir in einer besonderen Verbindung, oft über mehrere Jahre hinweg. Gemeinsam haben wir viele Projekte umgesetzt und unzählige Theaterbesuche fanden statt. JES-Schulpartnerin Amelie Barucha hat stellvertretend bei drei Partnerlehrerinnen nachgefragt, was sie besonders am JES schätzen und ob sie vielleicht einen Wunsch an die künftige Leitung richten möchten.

 

Das erste Mal war ich im JES, bevor es überhaupt seinen Spielbetrieb aufgenommen hatte: im Sommer 2004 zur Schönen Aussicht. Es war sehr aufregend, ein neu gebautes Kinder- und Jugendtheater zu betreten. Damals war ich noch als Dramaturgin tätig und an den Theatern, an denen ich selbst gearbeitet hatte, fristete das Theater für junges Publikum ein etwas stiefkindliches Dasein. Nicht so am JES: die räumlichen und technischen Möglichkeiten waren hervorragend, das Ensemble handverlesen, der künstlerische Anspruch war hoch. Und es gab von Anfang an eine richtige theaterpädagogische Abteilung und unzählige Mitmach-Angebote.
Die Theaterlandschaft war der entscheidende Grund für mich, 2008 nach Stuttgart zu gehen, nachdem ich mich entschlossen hatte, in den Schuldienst zu wechseln und dort ein nachwachsendes Publikum zu erziehen. Bei dieser Aufgabe ist das JES für mich der ideale Partner. Es ist sehr schön, dass für mich als Lehrerin immer wieder der rote Teppich ausgerollt wird. Für meine eigenen Theaterprojekte bekomme ich Beratung und mit meiner AG bei den Schultheatertagen zu spielen, war ein echtes Highlight. Aber nicht nur die AG, auch meine normalen Klassen dürfen immer wieder selbst am JES spielen, meist direkt vor den Vorstellungen zur Vorbereitung, und ich habe noch nie erlebt, dass es hierbei nicht fantastische Ergebnisse gab.
Auch habe ich am JES noch nie eine wirklich schlechte Inszenierung gesehen. Natürlich gibt es solche, die den Schüler:innen besser gefallen als andere; aber die Kinder und Jugendlichen haben eigene Kriterien. An der „Wanze“ hatten sie beispielsweise zu bemängeln, dass nur ein einziger Schauspieler auftrat. Da ich auch Englisch unterrichte, habe ich sehr geschätzt, immer wieder englischsprachige Gastspiele besuchen zu können. Insbesondere die Arbeiten von Kjell Moberg haben tiefe emotionale Eindrücke hinterlassen und sind für mich eine nicht versiegende Inspirationsquelle.
Neben der durchgehend hohen künstlerischen Qualität der Inszenierungen genieße ich besonders die große Vielfalt. Jugendliche sind auch auf der Bühne zu erleben, nicht nur davor, neben Schauspiel gibt es Tanztheater, sehr oft tolle Musik. Was es in Zukunft vielleicht öfter geben könnte, sind literarische Theaterstücke als Textgrundlage; bisher dominieren Romanvorlagen und eigene Stückentwicklungen.

Melanie Schmelcher, Fanny-Leicht-Gymnasium Stuttgart/Ev. Mörike-Gymnasium Stuttgart

 

Wenn ich mit einer Klasse ins JES gehe, oder Schauspieler*innen zu uns ins Klassenzimmer kommen, springt sehr schnell der Funke über. Das Theater berührt die Kinder und Jugendlichen. Es bringt sie zum Lachen, zum Staunen und zum Nachdenken. Man kann sehen, wie sie sich selbst und ihre Situation vergessen, um nach dem Spiel ein bisschen verändert wieder aufzutauchen. Bei Probenbesuchen fühlen sich die Kinder ernst genommen. Es sind ihre Themen, die in den Stücken behandelt werden und es wird gehört, was sie dazu sagen. Sie freuen sich aber auch, wenn etwas überraschend und fantasievoll umgesetzt wird. Das ist im JES immer der Fall. Dadurch wird der Theaterbesuch zum Erlebnis und stärkt die Klassengemeinschaft. Fantasie, Schauspielkunst und Wir-Gefühl brauchen den Freiraum, den man im JES erleben kann und das muss so bleiben – für immer.

Nicole Reed, Königin-Katharina-Stift, Gymnasium Stuttgart

 

„Das war so ein geiles Stück“ – leuchtende Augen, wenn Schüler*innen über Theaterabende sprechen. Spontane Erkenntnisse über das Wesen der Postdramatik. Nachgespräche, die sich zerdehnen, weil keine*r aufhören möchte. Zum Glück gibt es das JES. Seine Stückentwicklungen, seine Workshops, seine Gesprächsangebote, die jungen Menschen wichtige Themen differenziert, sinnlich, aktuell, partizipativ, kritisch, anspruchsvoll, berührend, stets mit brennender Intensität und viel, viel Humor auf die Bühne und nahebringen. Die Schüler*innen, egal ob Theateranfänger*innen oder Literatur- und Theaterkurse einbeziehen, ernst nehmen, zum Nachdenken und Gestalten anregen. Ästhetische Bildung, die Möglichkeitsräume schafft. Danke und bitte weiter so!

Viele Schüler*innen des Wagenburg-Gymnasiums Stuttgart und Elisabeth Schäfer, Literatur- und Theaterlehrerin am WBG und Theatermultiplikatorin am Zentrum für Lehrer*innenbildung

Ein roter Teppich


Das vernetzte JES: Partnerschulen

Mit unseren Partnerlehrer*innen und Partnerschulen stehen wir in einer besonderen Verbindung, oft über mehrere Jahre hinweg. Gemeinsam haben wir viele Projekte umgesetzt und unzählige Theaterbesuche fanden statt. JES-Schulpartnerin Amelie Barucha hat stellvertretend bei drei Partnerlehrerinnen nachgefragt, was sie besonders am JES schätzen und ob sie vielleicht einen Wunsch an die künftige Leitung richten möchten.

 

Das erste Mal war ich im JES, bevor es überhaupt seinen Spielbetrieb aufgenommen hatte: im Sommer 2004 zur Schönen Aussicht. Es war sehr aufregend, ein neu gebautes Kinder- und Jugendtheater zu betreten. Damals war ich noch als Dramaturgin tätig und an den Theatern, an denen ich selbst gearbeitet hatte, fristete das Theater für junges Publikum ein etwas stiefkindliches Dasein. Nicht so am JES: die räumlichen und technischen Möglichkeiten waren hervorragend, das Ensemble handverlesen, der künstlerische Anspruch war hoch. Und es gab von Anfang an eine richtige theaterpädagogische Abteilung und unzählige Mitmach-Angebote.
Die Theaterlandschaft war der entscheidende Grund für mich, 2008 nach Stuttgart zu gehen, nachdem ich mich entschlossen hatte, in den Schuldienst zu wechseln und dort ein nachwachsendes Publikum zu erziehen. Bei dieser Aufgabe ist das JES für mich der ideale Partner. Es ist sehr schön, dass für mich als Lehrerin immer wieder der rote Teppich ausgerollt wird. Für meine eigenen Theaterprojekte bekomme ich Beratung und mit meiner AG bei den Schultheatertagen zu spielen, war ein echtes Highlight. Aber nicht nur die AG, auch meine normalen Klassen dürfen immer wieder selbst am JES spielen, meist direkt vor den Vorstellungen zur Vorbereitung, und ich habe noch nie erlebt, dass es hierbei nicht fantastische Ergebnisse gab.
Auch habe ich am JES noch nie eine wirklich schlechte Inszenierung gesehen. Natürlich gibt es solche, die den Schüler:innen besser gefallen als andere; aber die Kinder und Jugendlichen haben eigene Kriterien. An der „Wanze“ hatten sie beispielsweise zu bemängeln, dass nur ein einziger Schauspieler auftrat. Da ich auch Englisch unterrichte, habe ich sehr geschätzt, immer wieder englischsprachige Gastspiele besuchen zu können. Insbesondere die Arbeiten von Kjell Moberg haben tiefe emotionale Eindrücke hinterlassen und sind für mich eine nicht versiegende Inspirationsquelle.
Neben der durchgehend hohen künstlerischen Qualität der Inszenierungen genieße ich besonders die große Vielfalt. Jugendliche sind auch auf der Bühne zu erleben, nicht nur davor, neben Schauspiel gibt es Tanztheater, sehr oft tolle Musik. Was es in Zukunft vielleicht öfter geben könnte, sind literarische Theaterstücke als Textgrundlage; bisher dominieren Romanvorlagen und eigene Stückentwicklungen.

Melanie Schmelcher, Fanny-Leicht-Gymnasium Stuttgart/Ev. Mörike-Gymnasium Stuttgart

 

Wenn ich mit einer Klasse ins JES gehe, oder Schauspieler*innen zu uns ins Klassenzimmer kommen, springt sehr schnell der Funke über. Das Theater berührt die Kinder und Jugendlichen. Es bringt sie zum Lachen, zum Staunen und zum Nachdenken. Man kann sehen, wie sie sich selbst und ihre Situation vergessen, um nach dem Spiel ein bisschen verändert wieder aufzutauchen. Bei Probenbesuchen fühlen sich die Kinder ernst genommen. Es sind ihre Themen, die in den Stücken behandelt werden und es wird gehört, was sie dazu sagen. Sie freuen sich aber auch, wenn etwas überraschend und fantasievoll umgesetzt wird. Das ist im JES immer der Fall. Dadurch wird der Theaterbesuch zum Erlebnis und stärkt die Klassengemeinschaft. Fantasie, Schauspielkunst und Wir-Gefühl brauchen den Freiraum, den man im JES erleben kann und das muss so bleiben – für immer.

Nicole Reed, Königin-Katharina-Stift, Gymnasium Stuttgart

 

„Das war so ein geiles Stück“ – leuchtende Augen, wenn Schüler*innen über Theaterabende sprechen. Spontane Erkenntnisse über das Wesen der Postdramatik. Nachgespräche, die sich zerdehnen, weil keine*r aufhören möchte. Zum Glück gibt es das JES. Seine Stückentwicklungen, seine Workshops, seine Gesprächsangebote, die jungen Menschen wichtige Themen differenziert, sinnlich, aktuell, partizipativ, kritisch, anspruchsvoll, berührend, stets mit brennender Intensität und viel, viel Humor auf die Bühne und nahebringen. Die Schüler*innen, egal ob Theateranfänger*innen oder Literatur- und Theaterkurse einbeziehen, ernst nehmen, zum Nachdenken und Gestalten anregen. Ästhetische Bildung, die Möglichkeitsräume schafft. Danke und bitte weiter so!

Viele Schüler*innen des Wagenburg-Gymnasiums Stuttgart und Elisabeth Schäfer, Literatur- und Theaterlehrerin am WBG und Theatermultiplikatorin am Zentrum für Lehrer*innenbildung