• Interview

    Der Intellektualität mit Emotionen begegnen

     

    Erschienen im JES-Spielzeitheft 2018 / 2019

    Für das JES ein eher ungewöhnliches Projekt: Intendantin Brigitte Dethier setzt sich zu Saisonbeginn mit einem der großen Werke deutscher Literaturgeschichte auseinander: "Der Steppenwolf" von Hermann Hesse. Zitate aus einer Brainstorming-Runde vor Probenbeginn mit den Spieler*innen Anna-Lena Hitzfeld, Gerd Ritter und Lin Verleger sowie Theaterpädagoge Peter Galka und Dramaturg Christian Schönfelder.

    Worum geht's? Wenn ich böse wäre, würde ich sagen, einmal mehr bei den Sternchenthemen im Deutsch-Abitur um die erotische Beziehung eines gealterten Mannes zu einer jungen Frau. Wie bei "Faust", "Agnes", "Homo Faber". Man könnte aber natürlich auch sagen um einen Menschen, der an der Zerrissenheit seiner Persönlichkeit leidet: einerseits sehnt er sich nach einem bürgerlichen, angepassten Leben in Zufriedenheit, andererseits hasst er genau das, wonach er sich sehnt, verhöhnt die Gesellschaft und deren Vergnügungen und kokettiert ständig mit seinem Selbstmord. Mit Hilfe einer jungen Kurtisane, heute würde man sie vielleicht als Edel-Prostituierte bezeichnen, und einem schwer abgedrehten magischen Theater findet er ganz am Schluss einen Weg, die beiden Seiten miteinander zu versöhnen: den Humor. Christian Schönfelder

    Das interessiert mich: Genau der Widerspruch, dass jemand die Bürgerlichkeit verachtet, aber deren Ordnung als Halt braucht. Ich frage mich, wo im Leben entscheidet es sich, wie viel Wolf und wie viel Bürger jemand sein will. Bei Harry Haller ist das alles schon hundertmal durchgekaut, aber bei unserem Ziel-Publikum sind das vielleicht genau die drängenden Fragen? Wo genau will ich hin? Wie will ich leben? Welche Werte sind mir wichtig? Brigitte Dethier

    Der Kampf und die Suche nach dem Platz im Leben sind doch generationenübergreifende Themen. Wenn sie aus der Sicht von jemandem erzählt werden, der entrückt ist, weit entfernt, finde ich das gerade gut. Ich muss mich nicht mit dem Menschen identifizieren, kann aber seine Themen spannend finden. Wie so eine Art Fabel. Lin Verleger

    Ich hab früher viel Hesse gelesen. Vor allem "Demian" fand ich als Jugendliche krass. Nach dem Motto: Keiner versteht mich in meiner Einsamkeit, außer Hermann Hesse. Und immer die Sehnsucht, dass man sich irgendwo in der Mitte zwischen den Polen doch auch wohlfühlen darf. Dass man nicht immer raus muss aus der eigenen Komfort-Zone. Anna-Lena Hitzfeld

    Mich fasziniert die Zerrissenheit der Figur, damit kann ich mich absolut identifizieren. Das Abarbeiten an den gesellschaftlichen Konventionen, die schwer in Einklang zu bringen sind mit dem eigenen Sehnen. Lin Verleger

    Das ist eh ein Trugschluss, dass es nur zwei Pole gibt, eigentlich toben 200 Seelen in der Brust. Wird ja später im Welttheater auch gesagt. Aber die Gegensätze machen natürlich die Spannung aus: Yin und Yang, Individuum und Masse, Bauch und Kopf, Sinnliches und Intellektuelles. Gerd Ritter

    Wie ist das, wenn man an dem zugrunde geht, was einen ausmacht: ein Geldmensch am Geld, ein Machtmensch an der Macht, ein Lustsucher an der Lust, ein Steppenwolf an seiner Unabhängigkeit, die ihn einsam macht. Brigitte Dethier

    Für mich geht es auch um verpasste Chancen. Um die Sehnsucht, sich zu finden. Und dass man immer unzufrieden ist, mit dem, was man hat. Ich sehe da eine Parallele zum "Faust". Peter Galka


    Beim "Faust" geht es für mich eher um Schneller, Höher, Weiter. Beim Steppenwolf weniger um Action. Das ist flächiger, nicht vorwärts, nicht zielgerichtet. Die Figuren kreisen um sich selbst. Anna-Lena Hitzfeld

    Im Vorwort des Neffen der Vermieterin steht die Vermutung, dass Harry Haller aus einem Elternhaus stammt mit liebevollen, strengen, frommen Eltern. Die Erziehungsmethode bezeichnet er mit "Brechen des Willens". Da das bei dem willensstarken Haller nicht funktioniert hat, fühlt er sich, als würde er nicht passen, als hätte er versagt. Interessante These, dass sich einer selber dafür hasst, sich nicht brechen und zu einem brauchbaren Mitglied der Gesellschaft abrichten zu lassen. Brigitte Dethier

    Hermann Hesse hat zeit seines Lebens mit dem Pietismus gehadert, die seine Künstlerseele nicht zur Entfaltung hat kommen lassen. Peter Galka

    Dafür, dass am Ende der Humor der Schlüssel sein soll, ist das Buch bemerkenswert humorlos. Gerd Ritter

    Ich freue mich darauf und hoffe auch es aushalten zu können, nicht schon vorher alles zu wissen, aber den Stoff mit all unseren Fragezeichen zu durchdringen. Auf alle Fälle ist es eine Riesenherausforderung für uns, einen solchen Zugang zu finden, dass unser Zielpublikum anknüpfen kann. Findet man in der Geschichte etwas, das mit ihnen zu tun hat? Verbindungen zu ihrer Welt? Kann man die verquere, kopfige Welt von diesem Haller aufschließen? So, dass junge Menschen die Geschichte nochmal anders erfassen? Vielleicht der Intellektualität mit Emotion begegnen, hinter all den Worten die Gefühle aufstöbern und herausarbeiten. Neue Sichtweisen eröffnen, Zugang verschaffen. Das wäre doch super, wenn die Schüler*innen am Schluss rausgehen und sagen: Das war geil. Brigitte Dethier 

     

  • Presse

     

    Schreibbegeisterte Oberstufenschülerinnen des St. Agnes Gymnasiums Stuttgart, die an einer journalistischen Schreibwerkstatt ihrer Schule teilnehmen, haben unseren "Steppenwolf" gesichtet und Theaterkritiken verfasst, die wir an dieser Stelle gerne auszugsweise veröffentlichen.

     

    Theaterkritik zum "Steppenwolf" von Meret Hauber

    Ein Harry, zwei Harrys, drei, vier oder sogar noch mehr? Das ist nicht mehr klar erkennbar in einer der Szenen im „Steppenwolf“ nach Hermann Hesse in einer neuen Inszenierung des JES.

    Einer der Harry-Darsteller tanzt sich förmlich die Seele aus dem Leib, umgeben von Spiegeln, die manchmal gar keine Spiegel sind, sondern Fenster, durch die die anderen Charaktere auf Harrys Tanz blicken, der manchmal fast einem Kampf zu gleichen scheint.

    Ein Kampf in Harrys Seele, in welche nicht nur den anderen Charakteren des Stücks Einblick gegeben wird, sondern auch uns als Zuschauern.

    Entstanden ist diese Inszenierung unter der Regie von Brigitte Dethier und mit fünf Darstellern, von denen aber nicht alle Schauspieler sind, auch eine Musikerin und der bereits erwähnte Tänzer gehören zu der Gruppe.

    Vielleicht liegt es auch an dieser bunten Mischung, dass diese Inszenierung des „Steppenwolf“ so neu und unerwartet daherkommt, denn wirklich nichts daran ist gewöhnlich oder erinnert an bereits Gesehenes. Es ist diese Vielseitigkeit, die das Stück ausmacht, nicht zuletzt, weil es ja auch die Vielseitigkeit beziehungsweise die Zerrissenheit Harrys ist, die den „Steppenwolf“ definieren und seinen Handlungsverlauf prägen.

    Besonders stechen die tänzerischen Elemente heraus, die Harrys Gefühle über das Gesprochene hinaus und damit auf eine ganz neue, gefühlsintensivere Ebene heben, immer perfekt ergänzt von der elektronischen Musik, die, mit ihrer fast schon hypnotischen Wirkung, ebenfalls eine überraschende und gut passende Ergänzung zu dem Stück ist.

    Dadurch ist diese Inszenierung des „Steppenwolf“ mehr als nur Theater, denn obwohl mit dem Originaltext von Hermann Hesse gearbeitet wurde, werden Worte oft nebensächlich und Harrys verwirrende, vielseitige Gefühle treten an deren Stelle – nicht nur auf der Bühne, sondern auch beim Zuschauer.

     

  • Video

    Teaser

    Doku-Trailer

    MARIA – Der Song!

Der Steppenwolf

von Hermann Hesse, Bühnenfassung von Joachim Lux

Harry Haller is in pain. He suffers from himself, the society, and his character. The opposition of the much-hated bourgeoisie and that he needs exactly that principle of order to feel safe pains him deeply. He hates what he desires and mocks those who are able to feel joy in life. He flirts with the thought of killing himself til he meets Hermine. A young, fun-loving woman who gives his life a different meaning than his thoughts and books. With her help and the magical theatre of her friend Pablo, Harry can find a new way to reconcile with himself: through humour.

Artistic director Brigitte Dethier and her team explore how Hermann Hesse’s “Steppenwolf” can work as a timeless tale and how it can be transported into modern times. About a person who works hard on himself and society and keeps asking the same questions repeatedly: Where do I want to go? How do I want to live? Which values are important to me?

PREMIERE: November, 3rd 2018

Recommended for age 15+

Language: German

 


Aktuelle Spieltermine

14.07.2021
endlich wieder da

19:00 - 20:20


  • Interview

    Der Intellektualität mit Emotionen begegnen

     

    Erschienen im JES-Spielzeitheft 2018 / 2019

    Für das JES ein eher ungewöhnliches Projekt: Intendantin Brigitte Dethier setzt sich zu Saisonbeginn mit einem der großen Werke deutscher Literaturgeschichte auseinander: "Der Steppenwolf" von Hermann Hesse. Zitate aus einer Brainstorming-Runde vor Probenbeginn mit den Spieler*innen Anna-Lena Hitzfeld, Gerd Ritter und Lin Verleger sowie Theaterpädagoge Peter Galka und Dramaturg Christian Schönfelder.

    Worum geht's? Wenn ich böse wäre, würde ich sagen, einmal mehr bei den Sternchenthemen im Deutsch-Abitur um die erotische Beziehung eines gealterten Mannes zu einer jungen Frau. Wie bei "Faust", "Agnes", "Homo Faber". Man könnte aber natürlich auch sagen um einen Menschen, der an der Zerrissenheit seiner Persönlichkeit leidet: einerseits sehnt er sich nach einem bürgerlichen, angepassten Leben in Zufriedenheit, andererseits hasst er genau das, wonach er sich sehnt, verhöhnt die Gesellschaft und deren Vergnügungen und kokettiert ständig mit seinem Selbstmord. Mit Hilfe einer jungen Kurtisane, heute würde man sie vielleicht als Edel-Prostituierte bezeichnen, und einem schwer abgedrehten magischen Theater findet er ganz am Schluss einen Weg, die beiden Seiten miteinander zu versöhnen: den Humor. Christian Schönfelder

    Das interessiert mich: Genau der Widerspruch, dass jemand die Bürgerlichkeit verachtet, aber deren Ordnung als Halt braucht. Ich frage mich, wo im Leben entscheidet es sich, wie viel Wolf und wie viel Bürger jemand sein will. Bei Harry Haller ist das alles schon hundertmal durchgekaut, aber bei unserem Ziel-Publikum sind das vielleicht genau die drängenden Fragen? Wo genau will ich hin? Wie will ich leben? Welche Werte sind mir wichtig? Brigitte Dethier

    Der Kampf und die Suche nach dem Platz im Leben sind doch generationenübergreifende Themen. Wenn sie aus der Sicht von jemandem erzählt werden, der entrückt ist, weit entfernt, finde ich das gerade gut. Ich muss mich nicht mit dem Menschen identifizieren, kann aber seine Themen spannend finden. Wie so eine Art Fabel. Lin Verleger

    Ich hab früher viel Hesse gelesen. Vor allem "Demian" fand ich als Jugendliche krass. Nach dem Motto: Keiner versteht mich in meiner Einsamkeit, außer Hermann Hesse. Und immer die Sehnsucht, dass man sich irgendwo in der Mitte zwischen den Polen doch auch wohlfühlen darf. Dass man nicht immer raus muss aus der eigenen Komfort-Zone. Anna-Lena Hitzfeld

    Mich fasziniert die Zerrissenheit der Figur, damit kann ich mich absolut identifizieren. Das Abarbeiten an den gesellschaftlichen Konventionen, die schwer in Einklang zu bringen sind mit dem eigenen Sehnen. Lin Verleger

    Das ist eh ein Trugschluss, dass es nur zwei Pole gibt, eigentlich toben 200 Seelen in der Brust. Wird ja später im Welttheater auch gesagt. Aber die Gegensätze machen natürlich die Spannung aus: Yin und Yang, Individuum und Masse, Bauch und Kopf, Sinnliches und Intellektuelles. Gerd Ritter

    Wie ist das, wenn man an dem zugrunde geht, was einen ausmacht: ein Geldmensch am Geld, ein Machtmensch an der Macht, ein Lustsucher an der Lust, ein Steppenwolf an seiner Unabhängigkeit, die ihn einsam macht. Brigitte Dethier

    Für mich geht es auch um verpasste Chancen. Um die Sehnsucht, sich zu finden. Und dass man immer unzufrieden ist, mit dem, was man hat. Ich sehe da eine Parallele zum "Faust". Peter Galka


    Beim "Faust" geht es für mich eher um Schneller, Höher, Weiter. Beim Steppenwolf weniger um Action. Das ist flächiger, nicht vorwärts, nicht zielgerichtet. Die Figuren kreisen um sich selbst. Anna-Lena Hitzfeld

    Im Vorwort des Neffen der Vermieterin steht die Vermutung, dass Harry Haller aus einem Elternhaus stammt mit liebevollen, strengen, frommen Eltern. Die Erziehungsmethode bezeichnet er mit "Brechen des Willens". Da das bei dem willensstarken Haller nicht funktioniert hat, fühlt er sich, als würde er nicht passen, als hätte er versagt. Interessante These, dass sich einer selber dafür hasst, sich nicht brechen und zu einem brauchbaren Mitglied der Gesellschaft abrichten zu lassen. Brigitte Dethier

    Hermann Hesse hat zeit seines Lebens mit dem Pietismus gehadert, die seine Künstlerseele nicht zur Entfaltung hat kommen lassen. Peter Galka

    Dafür, dass am Ende der Humor der Schlüssel sein soll, ist das Buch bemerkenswert humorlos. Gerd Ritter

    Ich freue mich darauf und hoffe auch es aushalten zu können, nicht schon vorher alles zu wissen, aber den Stoff mit all unseren Fragezeichen zu durchdringen. Auf alle Fälle ist es eine Riesenherausforderung für uns, einen solchen Zugang zu finden, dass unser Zielpublikum anknüpfen kann. Findet man in der Geschichte etwas, das mit ihnen zu tun hat? Verbindungen zu ihrer Welt? Kann man die verquere, kopfige Welt von diesem Haller aufschließen? So, dass junge Menschen die Geschichte nochmal anders erfassen? Vielleicht der Intellektualität mit Emotion begegnen, hinter all den Worten die Gefühle aufstöbern und herausarbeiten. Neue Sichtweisen eröffnen, Zugang verschaffen. Das wäre doch super, wenn die Schüler*innen am Schluss rausgehen und sagen: Das war geil. Brigitte Dethier 

     

  • Presse

     

    Schreibbegeisterte Oberstufenschülerinnen des St. Agnes Gymnasiums Stuttgart, die an einer journalistischen Schreibwerkstatt ihrer Schule teilnehmen, haben unseren "Steppenwolf" gesichtet und Theaterkritiken verfasst, die wir an dieser Stelle gerne auszugsweise veröffentlichen.

     

    Theaterkritik zum "Steppenwolf" von Meret Hauber

    Ein Harry, zwei Harrys, drei, vier oder sogar noch mehr? Das ist nicht mehr klar erkennbar in einer der Szenen im „Steppenwolf“ nach Hermann Hesse in einer neuen Inszenierung des JES.

    Einer der Harry-Darsteller tanzt sich förmlich die Seele aus dem Leib, umgeben von Spiegeln, die manchmal gar keine Spiegel sind, sondern Fenster, durch die die anderen Charaktere auf Harrys Tanz blicken, der manchmal fast einem Kampf zu gleichen scheint.

    Ein Kampf in Harrys Seele, in welche nicht nur den anderen Charakteren des Stücks Einblick gegeben wird, sondern auch uns als Zuschauern.

    Entstanden ist diese Inszenierung unter der Regie von Brigitte Dethier und mit fünf Darstellern, von denen aber nicht alle Schauspieler sind, auch eine Musikerin und der bereits erwähnte Tänzer gehören zu der Gruppe.

    Vielleicht liegt es auch an dieser bunten Mischung, dass diese Inszenierung des „Steppenwolf“ so neu und unerwartet daherkommt, denn wirklich nichts daran ist gewöhnlich oder erinnert an bereits Gesehenes. Es ist diese Vielseitigkeit, die das Stück ausmacht, nicht zuletzt, weil es ja auch die Vielseitigkeit beziehungsweise die Zerrissenheit Harrys ist, die den „Steppenwolf“ definieren und seinen Handlungsverlauf prägen.

    Besonders stechen die tänzerischen Elemente heraus, die Harrys Gefühle über das Gesprochene hinaus und damit auf eine ganz neue, gefühlsintensivere Ebene heben, immer perfekt ergänzt von der elektronischen Musik, die, mit ihrer fast schon hypnotischen Wirkung, ebenfalls eine überraschende und gut passende Ergänzung zu dem Stück ist.

    Dadurch ist diese Inszenierung des „Steppenwolf“ mehr als nur Theater, denn obwohl mit dem Originaltext von Hermann Hesse gearbeitet wurde, werden Worte oft nebensächlich und Harrys verwirrende, vielseitige Gefühle treten an deren Stelle – nicht nur auf der Bühne, sondern auch beim Zuschauer.

     

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    MARIA – Der Song!

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12,00 €

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