• Interview

    Nichts ist unaussprechlich

     

    erschienen im JES Spielzeitheft 2018/2019

    Mit unserem Festival Schöne Aussicht wollen wir nicht nur unserem Stuttgarter Publikum die Möglichkeit geben, aufregende internationale Theaterproduktionen zu erleben, wir lassen uns auch gerne für unseren eigenen Spielplan inspirieren. Bei der Schönen Aussicht 2016 war eine Produktion des Brüsseler Theaters BRONKS zu Gast, die uns aufgrund ihres mutigen Ansatzes sehr beeindruckt hat: "Wir/Die", ein Stück von Carly Wijs über die Geiselnahme in Beslan 2004. Regisseurin Paulina Neukampf, die sich bereits mit "Nachtgeknister" in Stuttgart vorgestellt hat, wird "Wir/Die" im April 2019 auf die JES Bühne bringen.

    Man bezeichnet sie als soft targets: Bahnhöfe, Straßencafés, Einkaufszentren, Sommercamps, Konzerthallen, Weihnachtsmärkte, Kirchen - all jene Orte, an denen wir uns tagtäglich aufhalten, ungeschützt und in großer Zahl, ein leichtes Ziel für potentielle Attentäter*innen. Terroristische Anschläge, die an solchen Orten passieren, treffen uns besonders hart, weil sie uns daran erinnern, wie verwundbar wir an öffentlichen Plätzen sind.

    Eine Schule ist ebenfalls ein solches soft target: Im September 2004 feiern Kinder, Eltern und Lehrer*innen in der nordossetischen Stadt Beslan gemeinsam den Schulbeginn, als tschetschenische Terrorist*innen die Schule stürmen und mehr als 1100 Menschen in ihre Gewalt bringen. Sie fordern unter anderem die Unabhängigkeit Tschetscheniens von Russland, den Rückzug russischerTruppen und die Freilassung von politischen Gefangenen. Die grausame Geiselnahme dauert drei Tage an und endet im kompletten Chaos. 331 Geiseln sterben, hunderte weitere sind verletzt.

    Das ist ein unbequemes Thema für ein Theaterstück für junges Publikum. Es geht um ein Ausmaß an Grausamkeit, das nicht nur für Jugendliche schwer zu verstehen ist. Im Vorwort zu ihrem Stück schreibt die Autorin:

    "Wie spricht man über das Unaussprechliche? Wie macht man das Unbegreifliche begreifbar? Wenn man bei Google 'Beslan'eingibt und sich die Bilder anschaut, ist man davon wie festgenagelt. Man kommt nicht mehr los von diesem Grauen. Die Tatsache, dass auch Kinder betroffen waren, verstärkt dieses Gefühl noch. Es ist Grauen in höchster Potenz. Warum genau hierüber ein Jugendtheaterstück machen? - Weil ich nicht glaube, dass es unaussprechlich ist. Nichts ist unaussprechlich."

    Carly Wijs stellt sich also nicht die Frage des Ob, sondern die Frage des Wie: Wie erzählt man diese Geschichte so, dass sie keine Überforderung, sondern eine Herausforderung für junge Menschen darstellt? Die Antwort fand sie in der BBC-Dokumentation "Children of Beslan", in der die Geschichte der Geiselnahme aus Sicht der betroffenen Kinder erzählt wird. Wijs war fasziniert von der Art und Weise, wie diese Kinder über ihre Erlebnisse sprachen: faktisch, emotionslos, mit fast wissenschaftlicher Genauigkeit. Diese Beobachtung brachte sie auf die Idee, das Stück radikal aus der Sicht der Kinder zu erzählen: Ein Junge und ein Mädchen schildern so genau wie möglich ihre Erinnerungen an die Ereignisse. Dabei sprechen sie im sachlichen Tonfall eines Referats, zeichnen Schaubilder an die Tafel, zählen Fakten auf und lösen Rechenaufgaben:

    JUNGE: Ich bin schon 38 Stunden und zwölf Minuten nicht auf der Toilette gewesen. 13 Stunden und sechs Minuten waren mein letzter Rekord. Als ich mit meinen Cousins zelten war. Ich hab meinen letzten Rekord um 191,6 Prozent verbessert.

    Regisseurin Paulina Neukampf findet diese Erzählweise sehr einleuchtend:

    "Die Perspektive muss distanziert sein, sonst findet man keine Worte für das, was man erlebt hat. Die interessanten Fragen sind doch: Welche heftigen Emotionen verbergen sich unter dieser Oberfläche? Und wie geht man damit auf der Bühne um?"

    Beim Versuch, die Geiselnahme zu überleben, flüchten sich die beiden Figuren immer wieder in die Fantasie und imaginieren Auswege aus ihrer lebensbedrohlichen Situation. Sie stellen sich zum Beispiel vor, wie ihre Väter auf Traktoren zur Schule fahren, um sie zu retten. Oder sie träumen von Würstchen, die vom Himmel fallen, und einem Bach mit kühlem Wasser. Je stärker der Durst, umso reger die Fantasie.

    MÄDCHEN: Die Giraffe schwebt auf langen Beinen durch die Sporthalle.

    JUNGE: Eine Giraffe kann nicht schweben... das geht nicht.

    MÄDCHEN: Sie knabbert an den Bomben im Basketballkorb.

    JUNGE: Quatsch.

    Die Grenze zwischen Realität und Fiktion verschwimmt - ein spannendes Thema für Paulina Neukampf, nicht nur für die Gestaltung der beiden Figuren, sondern auch für die Theatersituation im Allgemeinen:

    "Theater lebt von der Fantasie. Wir flüchten uns alle zusammen in eine Welt, die nicht existiert, die sich aber trotzdem sehr real anfühlen kann."

    Am Ende des Stückes erzählen die Kinder von den Fernsehteams, die nach der Geiselnahme vor der Schule warten. Die produzierten Bilder werden mit dramatischer Musik unterlegt und in 140 Länder übertragen. Mit dieser Schlussszene stellt die Autorin der distanzierten Haltung ihrer kindlichen Protagonist*innen den sensationslüsternen Blick der Erwachsenenwelt gegenüber. Passiert eine solche Gewalttat, sind die Bilder überall. Sie erregen Aufmerksamkeit, werden konsumiert, kommentiert und geteilt. Carly Wijs übt Kritikan diesem emotionalisierten Umgang. Wer die Komplexität einer Gewalttat, und damit die Welt, in der sie passiert, auf ein sentimentales Gefühl reduziert, teilt sie ein in Schwarz und Weiß, in Wir und Die.

    Für die Kinder im Stück ist die emotionale Distanz eine Überlebensstrategie. Für die jungen Zuschauer*innen im Theater kann sie eine Möglichkeit sein, Zugang zu einem schwierigen Thema zu finden. Das ist das Kunstvolle an Carly Wijs Text: Sie verleiht ihm eine Leichtigkeit und etwas Spielerisches, ohne die Grausamkeit der Ereignisse zu verharmlosen. Dadurch kann "Wir/Die" ein Anlass für uns sein, eine unbequeme Realität unserer Zeit nicht zu verschweigen, sondern ihr ins Gesicht zu blicken und darüber zu sprechen.

    Lucia Kramer, Dramaturgin

     

  • Video

    Teaser

Wir/Die

von Carly Wijs

in der Übersetzung von Gabriel Frericks

Mit der Gewissenhaftigkeit eines Schulreferats berichten uns ein Mädchen und ein Junge, was damals beim Schulfest passierte: Wie viele Mütter, Väter und Omas gekommen waren. Wie viele Kinder dort standen, mit Ballons in ihren Händen. Und welches feierliche Lied gesungen wurde, als die Terrorist*innen kamen. Sie zählen die Menschen, die in der Turnhalle festgehalten wurden (1148), zählen die Stunden und Minuten, die sie nicht auf die Toilette durften (38 Stunden und 12 Minuten) und berichten von der Giraffe, die plötzlich auftaucht und an den Bomben im Basketballkorb knabbert. 

Die Niederländerin Carly Wijs hat ein Theaterstück über ein unbequemes Thema geschrieben: Die Geiselnahme an einer Schule in der nordossetischen Stadt Beslan, im Herbst 2004. Erzählt wird die Geschichte aus der Perspektive der betroffenen Kinder: Radikal subjektiv, spielerisch und mit erstaunlicher Leichtigkeit, jedoch ohne die Grausamkeit der Ereignisse zu verharmlosen.

Wie sprechen wir über das Unaussprechliche? Wie erinnern wir uns an das, was wir lieber vergessen würden? Und wie gehen wir mit den Bildern solcher Ereignisse um, die medial verbreitet werden?

PREMIERE: 27. April 2019

Empfohlen ab 12 / Klassen 7-10


Besetzung

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Astronauten

Ein junger Mann lebt den Traum vieler junger Menschen: Er wird Astronaut. Jetzt steht er in seinem ehemaligen Klassenraum und soll erzählen. Doch es gibt da etwas, was ihn aus dem Konzept bringt: Eine nie gesühnte Schuld, die ihn verfolgt.

Alter: 12+

Spielort

Oberes Foyer

Länge

1:00 Stunde(n)

Alter

12+

Preis

Erwachsene
8,00 €

Kinder/Jugendliche
5,50 €